RSS

Archiv für den Monat Juli 2011

Start von Lebensmittelklarheit.de

Am 20. Juli ging die lange erwartete Verbraucherplattform lebensmittelklarheit.de online. Die ersten Tage gestalteten sich wohl etwas komplizierter, als sich der Betreiber (der Bundesverband der Verbraucherzentralen) das gedacht hatte. Von mehr als 20.000 Anfragen pro Sekunde war die Rede, die Sprecherin des Verbandes spekulierte gar über einen gezielten Hackerangriff. Wenn da mal nicht die Ernährungsindustrie dahinter steckte. Die war nämlich schon seit der Ankündigung von lebensmittelklarheit.de gegen das Projekt Sturm gelaufen. Und allein das ist schon ein gutes Zeichen.

Idee des Internetportals ist schnell erklärt. Ähnlich wie auf der von der Verbraucherorganisation foodwatch betriebenen Seite abgespeist.de sollen Verbraucher die Möglichkeit bekommen, Produkte „an den Pranger zu stellen“, um mal die Foodlobby zu zitieren. Ist man also der Meinung, das beispielsweise die Aufmachung der Verpackung bzw. die Art wie das Produkt beworben wird, nicht mit dem Inhalt übereinstimmt, kann man das als Täuschungsversuch deklarieren. Die Verbraucherzentrale prüft diese Angabe und konfrontiert den Hersteller mit den Vorwürfen. Dieser sollte möglichst innerhalb von sieben Tagen dazu Stellung nehmen, was dann zusammen mit einer Bewertung auf lebensmittelklarheit.de publiziert wird. Verbraucherschutzministerin Aigner spricht von einem „fairen und sachlichen Austausch zwischen Verbrauchern und Wirtschaft“.Das ganze wird in drei Kategorien aufgeteilt.

1. Getäuscht?

Jede Art von Mogelei kann man hier anklagen. Vollkommen egal, ob es sich um nicht der Aufmachung entsprechenden Inhalt, kaum leserliche Zutatenlisten oder schlicht um falsche Hoffnungen handelt, die das Produkt weckt. Der Vorwurf wird von den Verbraucherschützern geprüft und gegebenenfalls mit einer Änderungsaufforderung an den Hersteller weitergeleitet. Das ist ein klarer Knackpunkt, zum Einen, weil diese Prüfinstanz festlegt, ob eine Täuschung vorliegt oder nicht, zum Anderen, weil jeder Verbraucher andere Erwartungen an ein Produkt hat, was zu einer Flut von Protestmeldungen führen wird, die kaum alle zu einem Ergebnis führen können.

2. Geändert

Hier werden die Produkte aufgelistet, bei denen der jeweilige Hersteller auf die Kritik reagiert und eine Änderung vorgenommen hat. Beispielsweise beschränkt  sich ein Kaffeehersteller bei seinem „klassischen“ Kaffee wieder auf 100% Kaffe als Zutat und verzichtet auf Maltodextrin und Karamell. Andere vergrößern die Schrift oder ändern die Beschreibung der Packung.

3. Erlaubt

Dieser Kategorie stehe ich mit viel Skepsis gegenüber. Hier kommentieren die Verbraucherschützer Produkte, deren Inhalt zwar offensichtlich nicht mit der Beschreibung übereinstimmt, was aber in diesen Fällen nicht dem Gesetz widerpsricht. Beispielsweise darf man Wiener-Würste mit mind. 15% Kalbfleisch Kalbswiener nennen, auch wenn sie dann eben zum Großteil aus Schweinefleisch bestehen. Ähnlich darf sich ein Käse Ziegenkäse schimpfen, wenn er zu 15% Ziegenmilch enthält. Von welchen Tier die restliche Milch kommt, muss nicht mal aufgeführt werden, Allergiker freuen sich riesig. „Erlaubt“ hat das zweifelhafte Potenzial zu einer Art Abstellgleis zu degenerieren, wo man alle Produkte hinschiebt, bei denen eine ordentliche Herstellung bzw. Kennzeichnung einer gesetzlichen Neuregelung bedürfte. Wann die Verbraucherschützer eine Konsumententäuschung für einenBetrugsversuch und wann für eine legitime Deklaration halten, ist ziemlich unklar. Letztendlich ist ja eigentlich alles, was da so an Inhalts- und Verpackungsschindluder getrieben wird, leider irgendwie legal.

Die Plattform wird  vom Bundesministerum für Verbraucherschutz(BMELV) unterstützt. Ministerin Aigner formuliert das Ziel von lebensmittelklarheit.de in einer Pressekonferenz  als Versuch eine Übereinstimmung zwischen Inhalt und Präsentation eines Produkts zu erreichen. Frei nach dem Motto: „Was draufsteht, muss auch drin sein.“ Da sie nach dem Dioxinskandal Anfang des Jahres einiges an Verbrauchersympathien wieder zurückgewinnen muss, dürfte allerdings zu einem nicht ganz unerheblichen Teil zu ihrem Engagement beitragen.  Dass erstmal keine gesetzlichen Neuregelungen geplant, überrascht mich kaum. Man muss befürchten, dass die Rubrik „Erlaubt“zu der Lücke wird, die letztendlich verhindert das Lebensmittelbetrug, der gesetzlich erlaubt ist, verhindert werden kann.

Lediglich das Verbraucherinformationsgesetz wurde überarbeitet. Die Änderungen beziehen sich allerdings auf den bereits erwähnten Dioxinskandal. So soll z.B. eine „Verpflichtung zur zwingenden Veröffentlichung aller Verstöße gegen gesetzliche Vorschriften“ eine besser informierte Öffentlichkeit schaffen. Hier geht’s also darum, dass illegales Treiben im Zusammenhang mit Nahrungsmittelproduktion öffentlich gemacht werden muss. Beeindruckend. Mit dem Versuch Produktinszenierungen auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen hat das leider nichts zu tun. BMELV-Ministerin Aigner behauptet, man werde gesetzliche Regelungen überdenken, sobald man über lebensmittelklarheit.de ein Bild bekommen habe, „wo den Verbrauchern der Schuh drückt“. Man darf gespannt sein.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - Juli 31, 2011 in Aktuelles

 

Der überzeugte Fleischesser

Ich bin kein Vegetarier. Ich bin es nie gewesen und aller Wahrscheinlichkeit nach, werde ich es auch nicht so bald werden. Tofuwürste und Sojaschnitzel finde ich, ehrlich gesagt, lächerlich. Veganer habe ich bis vor ein bis zwei Jahren als durchgeknallte Spinner betrachtet. Auch heute noch bin ich der Meinung, dass man die Welt nicht besser macht, wenn man seine Kuchen mit industriellem Ei-Ersatz (meistens bestehend aus Stärke, Cellulose und Pflanzenöl) backt, weil man unbedingt auf jegliches Tierprodukt verzichten möchte. Ich bin überzeugter Fleischesser.

Dabei habe ich eigentlich alles versucht, um das zu ändern. Wer sich mit der Herkunft und der Produktion seiner Lebensmittel außeinandersetzen will, kommt man kaum um einige „Standardwerke“ herum. In Büchern wie „Eating Animals“ und „Anständig Essen“ haben die Autoren (i.d.F. Jonathan Safran Foer, Karin Duwe) viel Zeit indetaillierte Recherche und deren leserfreundliche Aufarbeitung investiert, so dass man schnell einen ziemlich guten Überblick über die Produktion tierischer Lebensmittel (hauptsächlich Fleisch) bekommt. Das heißt im Klartext: Man wird seitenweise schockiert, man empört sich, letztendlich ist man frustriert. Noch eindrücklicher, weil bildgewaltiger gestalten sich in diesem Zusammenhang Filme wie „Food inc.“, „Good Food Bad Food“, „We feed the World“ etc.. Kein halbwegs vernünftiger Mensch kommt dann noch umhin zu erkennen, dass Massenproduktion keine guten Produkte liefert. Weder was Qualität noch was einen ethisch korrekten Umgang mit dem entsprechenden Vieh geht. Was da wie genau falsch läuft würde an dieser Stelle natürlich zu weit führen. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema führte auch bei mir zu einer Neubewertung des eigenen Fleischessens.

Fleisch aus Massenproduktion ist schlecht. Also muss es Fleisch aus traditioneller, nachhaltiger Zucht sein. Das ist teurer, weil es länger dauert, mehr Platz braucht und weniger effizient ist. Außerdem kann die heute bestehende Nachfrage mit so produziertem Fleisch wohl kaum befriedigt werden. Das bedeutet, dass man den Konsum reduzieren muss. Dann kann man sich die teureren Produkte auch eher leisten (Nicht fünf Stück Fleisch à 3 Euro, sondern zwei à 7,50). In letzter Konsequenz wird für denGenuss von Fleischprodukten ein Leben beendet, eigentlich wirdein von langer Hand geplanter Mord begangen. Das muss man sich bei jedem Fleischkauf vor Augen führen.

Wer Fleisch und andere Tierprodukte isst, muss sich bewusst machen, was damit zusammenhängt. Danach werden, so ließt man, einige zu überzeugten Vegetariern oder gar Veganern. Ich bin Fleischesser geblieben. Inzwischen aber eben aufgeklärter Fleischesser.  Jeder der gern Fleisch isst, sollte wenigstens Ähnliches von sich behaupten können

 
4 Kommentare

Verfasst von - Juli 21, 2011 in Prinzipielles